Hören auf das Echo von William Kentridge: „Listen to the Echo”
Essen. Er wäre schlecht darin, „sich auf einen einzigen Gedanken zu konzentrieren.“ Diese Selbstbeschreibung aus einem Interview des Johannesburger Künstlers William Kentridge ist keine Selbstkritik, aber wohl der Schlüsselsatz zu dieser besonderen welten-umspannenden Kunst dieses weltläufigen weißen Südafrikaners.
Zum Siebzigsten des also 1955 in „Joburg“ geborenen Allrounders mit jüdisch-litauischen Wurzeln hat das Essener Museum Folkwang (mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden) eine umfassende und sicher lange nachwirkende Werkschau hier bei uns im Ruhrtriennale-Land inszeniert:
Eine von Objekt zu Objekt immer spannender werdende Entdeckungsreise durch 11. eigene Räume – tief ins „Herz der Finsternis“: in die Geschichte Afrikas – mit all ihren Auswirkungen bis heute.
Kentridges Eltern, beides Rechtsanwälte, setzten sich für die Rechte der unterdrückten Schwarzen Bevölkerung während des Apartheid-Regimes ein. Sie verteidigten vor den Schranken unsäglicher Gerichtsbarkeit unter anderem die späteren Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela (der daraufhin erster schwarzer Präsident Südafrikas wurde) und Bischof Desmond Tutu, Kämpfer gegen rassistische Unterdrückung auch er.
Kentridges künstlerischer Werdegang umfasst ein Studium der Bildenen Kunst, Politik- und Afrika-Wissenschaft. Parallel dazu besuchte er bei dem Maler und Aktivisten Bill Ainslie die von diesem gegründete einzige multi-ethnische Kunstschule in seinem Heimatland. Zwischen 1975 und 1991 war er Schauspieler, Regisseur, Szenograf und Plakatgestalter für die <i>Junction Avenue Theater Company, die er mitgegründet hatte.
<b>All diese biografischen Erfahrungen flossen und fließen natürlich ein in Kentridges Kunst:
Ob nun Plakate für seine Theaterstücke, Kunstobjekte oder – Handpuppen für sein Puppentheater. Seine Werke spiegeln auf – auch sehr komisch-absurde – einmalige Weise Elend, Ausbeutung, Rassismus und schreiende Ungerechtigkeit im Gegensatz zu obzönem Reichtum einiger Weniger.
Besondere Filmkunst:
In seiner auf „Stone-Age“- Art wie Kentridge es nennt – (Film-)steinzeitmäßig Einzelbild-fotografierte – auch durch Wegradieren veränderte hartstrichige Kohlezeichnungen – kurz eine Wahnsinns-Arbeit, sieht man eine eigentlich sehr banale Dreiecks-Liebesgeschichte: Ein reicher Minenbesitzer (das klingelnde Telefon wird zur fauchenden Katze – oder: wenn er mit dem Stempel seines Kaffeemakers den Kaffee nach unten schiebt, drückt er den Stempel durch den Fussboden in die Minenstollen, durch die Schlafbaracken der schwarzen Arbeiter, durch deren Duschverschläge. Kaffeemaker pressen Kaffee bis zum letzten aus…) Jedenfalls bemerkt Minenbesitzer Eckstein, dass seine Frau ein Verhältnis hat. Mit einem Felix Teitelbaum (dem Kentridge Züge von sich gegeben hat). Die vielen absurden und surrealen Verwandlungen der Zeichnungen anhand dieser banalen Dreiecks-Geschichte ermöglichen ihm das Zeigen von Ausbeutung aller Ressourcen. Ausbeutung auch der Tiere Afrikas und vieler weiterer natürlicher Bodenschätze. Dass der Minenbesitzer am Ende seinen Firmensitz in die Luft sprengt, erscheint logisch: Sonst würden es ja am Ende noch „die Schwarzen“ bekommen.
In Kentridges Kunst finden sich auch Bezüge zu den traumatisierten Künstlern des Ersten Weltkrieges wie Max Beckmann. Dadaismus, Surrealismus – alles seinerzeit ja letztlich Strategien der überlebenden Künstler, um mit dem Alptraum Weltkrieg klar zu kommen.
Zeitzeuge und Aktivist:
William Kentridge, als Zeitzeuge und Künstler-Aktivist, malt Bilder auf alte Landkarten, Zeitungen und auf entsetzliche Belegungslisten von Sklavenschiffen. Ein Museums-Raum ist wie ein Schiffsdeck gestaltet, die Planken knarzen und die Filme auf den Projektionswänden schwanken im Rhythmus der Wellen. Zu sehen ist ein Tisch mit Torte, eine italienischen Espressomaschine, ein Tortenheber und ein Stück Torte auf einem Teller. Alles rutscht im Wellengang sichtbar auf dem Tisch herum. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass die wie Kohlezeichnungen im Film wirkenden Gegenstände rutschende reale Gegenstände sind: Sie sind einfach als Kohlezeichnungen angemalt. Sie können nicht weg. Müssen das Meer ertragen, wie einst die Angeketteten unter Deck …
Vom Weltgeschehen umspült:
Kollagen in allen Größen, Landkarten, Textbausteine, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, ikonische Fotografien ziehen sich durch alle Zeiten und alle Kunstformen seines Werkes. Das gilt auch für Kostüme, Theaterstücke und deren Bühnen-Ausstattung. Vermutlich, weil wir ja immer vom Weltgeschehen umspült werden.
Kentridge hat ein feines Auge für Absurdes:
Uniformierte in Paraden oder bei Ordensverleihungen haben plötzlich Hahnenköpfe oder Köpfe aus silbernen Espressokochern.
Schwarz und weiß im Kontrast sind seine Grundstimmungen. Viele Grautöne, auch weil oft auf Zeitungspapier gemalt. Hell und dunkel auch die 11 Museums-Räume und die Filme, Bilder, Figuren mit wenigen Farbtupfern. Ein Labyrinthplan hilft den Überblick zu behalten. Nicht wegstecken!
Ein böses Kapitel Weltgeschichte:
Der Südafrikaner William Kentridge ermöglicht mit dieser wilden aufwühlenden Mischung ein emotionales Eintauchen in ein böses Kapitel Weltgeschichte mit – auf den ersten Blick einfachen – Materialen und Mitteln. Der zweite, dritte, vierte Blick ist aber immer schon mit dabei, erlaubt so auch Blicke auf eigentlich unaussprechliche Details. Die bezeugen, wie schrecklich Vergangenheit und Gegenwart miteinander verstrickt sind. Auch wenn wir so gern vergessen, wie die deutschen Kolonialgeschichte in Afrika im heutigen Kamerun und Togo verlief: Aufarbeitung erstmal offiziell verschoben. Den Völkermord an den Hereros und Nama zeigt Kentridge als Totentanz auf Land-Karten und alten Zeitungen und Tabellen-Plänen. Denn die Täter haben ja alles genau geplant und dokumentiert. Haben stolz Berichte geschrieben. Und Schädel und andere Körperteile ihrer Opfer „zu Forschungszwecken“ konserviert und in ihren Museen ausgestellt. Da sind sie zum Teil noch heute. Das ist alles sehr schmerzhaft. Vor allem für die Opfer und ihre Nachkommen. Falls es die gibt.
Doch Raum für Hoffnung:
Diesen Schmerz mildert Kentridge aber erstaunlicherweise gerade durch die großen wie kleinen Absurditäten und Banalitäten ein wenig, als könnte er ihn nicht aushalten. Und schafft absurderweise auch Raum für etwas Hoffnung, dass die Welt sich vielleicht doch noch irgendwie vor den Ecksteins retten lässt… Wie jetzt, mit bekritzelten Espressomaschinen?
„Es sei gleich gesagt, dass ich schlecht darin bin, mich auf einen einzigen Gedanken zu konzentrieren. Ich klammere mich an jedes Bild und an jeden Gedanken, der mich aus der Verantwortung entlässt und den Moment hinauszögert, bevor ich – wenn ich einen Gedanken wirklich zu Ende führen muss.“ Wie wir alle, so auch Kentridge. Große Kunst der Epoche. (cd)
Empfohlen sei auch der exellente Katalog zur Ausstellung (38 Euro).
Die Ausstellung läuft noch bis Januar 2026 im Museum Folkwang Essen.