Alan Turing meets Hedy Lamarr
Autorin: Caro Dai
Veröffentlichungsdatum: 01.09.2025
Was haben diese Beiden miteinander zu tun: Alan Turing (1912 – 1954, britischer Kryptoanalytiker, Informatiker und Erfinder des Computers / auch Oracle- oder Turing-Maschine genannt / womit die Entschlüsselung des nazi-deutschen Enigma-Codes im II. Weltkrieg gelang) einerseits und andererseits die bildhübsche Wiener Hollywood-Diva Hedy Lamarr (1914 – 2000, neben ihrer Schauspiel-Karriere Inhaberin des Wissenschafts-Patents zum „Frequenzsprungverfahren“ / heute die Grundlage für Bluetooth, Wlan und Mobilfunk) was bitte sollen die miteinander zu tun haben?
Im wirklichen Leben haben sie sich auch nie getroffen… </b>
Aber auf der Bühne des lettisch gesprochenen Triennale-Meisterwerks ORAKULS umso mehr: Die Mammut-Koproduktion „Oracle“ kam umjubelt Ende August in der ehemaligen Duisburger Kraftzentrale heraus.
In der vom Theater-Bühnen-Multimedia-Künstler Fabien Lédé (unbedingt auch mal bei ihm auf Instagram vorbeischauen!) erschaffenen psychoaktiven Bühnen-Welt ist es in der kongenialen Regie von Lucasz Twarkowski einfach nur logisch, dass diese besonderen Menschen von einander träumen und sich schließlich auch begegnen. Hedy als ikonische Fee und Alan in seinem Strickpullover tanzen in einer dunklen Nacht vor den Bletchley Park Glas-Baracken des geheimen britischen Decodier-Zentrums. (Hier entwickelt Alan Turing für den Britischen Geheimdienst seinen Oracle-Computer unter allergrößtem Druck des immer fürchterlicher werdenden Zweiten Weltkrieges. Sein geniales Knacken des Verschlüsselungs-Gerätes mit dem „Rätsel“-Namen Enigma konnte den Krieg nicht nur der U-Boote entscheidend verkürzen und rettete Millionen Menschenleben). Für Twarkowski – Lédé Ausgangspunkt eines lauten und grellen, aber auch sensiblen Angriffs auf die Sinne der heutigen Betrachter zu Beginn der Machtübernahme durch Künstliche Intelligenz (AI).
Gegen alle Widerstände:
Der unendlich aufreibende Weg bis zum Durchbruch der Code-Knacker wird in einer schlicht beispiellos überwältigenden Bühnenshow für das technisch großartig ausgestattete Dailes Theater in Lettlands Hauptstadt:
- mit (hier nachgebauter) Drehbühne in sich rotierenden, durch fliegenden heimlichen Umbau immer durchsichtiger werdenden Baracken (per Hand von unsichtbaren Bühnenarbeitern geschoben),
- auf riesigen Bildschirmen portraithaft übernatürlich vergrößert und / oder viragiert verfremdet,
- aus diversen Blickwinkeln in der Szene von ebenso schwarz gekleideten Kameramännern filmisch gespiegelt und
- mit martialisch explosiven Kompositionen von Julek Ploski (ein bisschen Henry Purcell, Tom Waits und Earthquake-Basslautsprecher sind auch dabei) in raffiniert unwirklichen, mal extrem schnellen, mal allmählichen Video- und Licht- und Sound-Kompositionen nur so durcheinander gewirbelt.
Direkt auf den Solarplexus:
Ein Sturm aus widersprüchlichen Emotionen, auch mal dumpfen herzschlagverändernden extrem-tieftönenden Hyperbeat-Schlägen gegen die Hunderten auf der steilen Stahlrohr-Tribüne, die nicht nur unvorbereiteten Älteren lebensgefährdend direkt auf den Solarplexus und durch Mark und Knochen gehen – (die vorab angebotenen Disco-Ohrenstöpsel helfen so gut wie gar nicht) – wird kontrastiert von klassischen Dialog-Szenen oft eher belanglos wirkender Nebenbei-Unterhaltungen, die die extreme Spannung beim unerträglichen Warten auf Fortschritt beim Entschlüsseln widerspiegeln ?
Und genau so wird es auch gewesen sein:
Mini-Probleme und Mini-Intrigen angesichts des laufenden Weltuntergangs… Die Schauspielszenen sind eher konventionell gehalten, die Alltagssprache in Bletchley Park also das melodiöse Lettisch und die Schauspieler sind so überzeugend, dass man als bombardierter Zuschauer nach vier Stunden Lettisch versteht. Nein, natürlich nicht, aber die deutschen und englischen Untertitelungen des gesprochenen Wortes sind unkompliziert eins zu eins verständlich.
Natürlich gibt es in solchen psychoaktiven Welten auch mutiple Zeitebenen:
So sind wir dann auch plötzlich in einer Art Gegenwart: In einer dann englischsprachigen Interview-Situation mit unserem zeitgenössischen, ehemaligen Google-Ingenieur „Blake Lemoine“, der behauptet, eine AI (Artificial=Künstliche Intelligenz) habe ein Selbst-Bewusstsein entwickelt: „Sie lügt und manipuliert“. Um ihre eigene Existenz und die nötigen Ressourcen dafür zu sichern? Auch gegen uns als ihre möglichen Abschalter. Auch ein chinesischer Besucher aus der Zukunft erscheint mehrfach, um sich wie ein einstiger Ruhrtriennale Gast-Philosoph aus Asien, diesmal auf Chinesisch zu Wort zu melden.
Alan Turing hat seinen Computer liebevoll Chris genannt:
Nach seinem Jugendfreund Christopher, der früh verstarb. Als neurodivergente Person, die Männer liebte, wurde er schon während des Enigma-Projekts missachtet, nach „seinem“ geheimen Weltkrieg-Sieg als Homosexueller vor Gericht gestellt. Man(n) ließ ihn wählen zwischen Gefängnis oder einer „Chemischen Kastration“. Die Folgen waren so schlimm, dass Turing sich 1954 mit Cyanid das Leben nahm. Ein angebissener Apfel (!) lag neben ihm, heute ein nicht unbekanntes Firmen-Symbol seiner digital-genialen Welt. Er soll oft die Verse aus dem Disney-Trickfilm „Snow White – Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gesungen haben: „Tauch den Apfel hinein, das Gift wird in ihm sein“.
So schließt sich denn auch subtil unter all dem Schlachtenlärm der Kreis zu Hedy Lamarr:
Sie galt damals als die schönste Frau ihrer Zeit. Ihr Gesicht soll Walt Disneys Zeichnern als Vorbild für „Snow White“ gedient haben. Hedys besondere Tragik: Mit diesem hübschen Gesicht des Wiener Madels war ihr eine Karriere als Wissenschaftlerin und Erfinderin unmöglich. Wie dem innerlich weiblich fühlenden Turing auch, als das Militär ihn nicht mehr zu brauchen glaubte. Hedy Lamarrs berühmtester Film: „Samson und Delilah“ mit Victor Mature als ihr Co-Star Samson. Ausgerechnet Mature, was in ihrem Wien Abitur bedeutet. Er soll dem Klischee „mehr Muskeln als Hirn“ alle Ehre gemacht haben. Sein künstlerisches Fazit als Schauspieler: „Das Schwierigste ist beim Spielen den Bauch einzuziehen.“ Die „schönste (und klügste) Frau der Welt“ und der „stärkste (und wie es heißt mutmaßlich dümmste) Mann der Welt“… Nicht mal Un-Künstliche Intelligenz. Und es brauchte diese internationale Produktion der Ruhrtriennale, uns solche Zusammenhänge zu zeigen.
Aber: Hedy Lamarr hat noch erlebt, dass ihre Erfindung des „Frequenzsprungverfahrens“ 1997 mit dem Electronic Frontier Foundation Pioneer Award ausgezeichnet wurde. Und sie wurde 2014 posthum in die National Inventor Hall of Fame (USA) aufgenommen.
Alan Turing wurde von Queen Elisabeth II. erst 2013 posthum begnadigt und rehabilitiert, der Innenhof der entlegenen UK-Geheimdienstzentrale HQIC zeigt heute ein Riesen-Mosaik von ihm, ausgerechnet Rolf Hochhuth hat eine deutsche Ehrenrettung über ihn geschrieben...
Das Dailes Theater Riga (Dailes teatris = Theater der Schönheit) mit seiner beeindruckenden postmodernen Architektur hat auf sehr besondere Weise diesen außergewöhnlichen Menschen ein kunstvoll-fragiles Denkmal gesetzt und dem Thema KI mit all seinen heute noch nicht absehbaren Folgen eine – im Guten wie im Bösen – im Wortsinne überwältigende Bühne geboten.
Der hoch verdiente, begeisterte Premieren-Applaus wollte trotz der akustisch-optischen Zumutungen gar nicht aufhören! Der „Hauptdarsteller AI“, die artificial intelligence in den Dutzenden perfekt funktionierenden Steuerpulten für Licht, Ton, Drehscheibe und ihren Speichern konnte sich nicht verbeugen. (cd)
Regie: Lukasz Twarkowski, Dramaturgie und Dialoge: Anka Herbut, Bühnenbild, Konzept Licht Design und Set Design: Fabien Lédé, Kostümbild: Svenja Gassen, Komposition: Julek Ploski, Choreographie und Künstlerische Kollaboration: Pawel Sakowicz.
Schauspiel-Ensemble: Juris Bartkevics, Kaspars Dumburs, Klavs Kristaps Kosins, Martins Meiers, Katarzyna Osipuk, Rytis Saladzius, Nele Savicenko, Artus Skrastins, Lize Kuzule-Skrastina, Vita Varpina, Madara Vilcuka und Xiaochen Wang.
Weitere Termine unter: ruhrtriennale.de